Apr
03
2014

Waisenhaus-Tourismus: Nein, es hilft nicht Kindern in Kambodscha

Bei ETN ist gerade ein sehr engagierter Artikel über Waisenhaustourismus in Kambodscha erschienen, der sich an einem Bericht der Huffington Post aufhängt. Ich habe zwei Zahlen herausgepickt:

75 Prozent mehr Waisenhäuser
71 Prozent der Waisen haben Eltern

Kids near Siem Reap

In der Tat ist Waisenhaustourismus Big Business. Man tut nichts Gutes. Die Kinder arbeiten quasi als Waisen und müssen oft auch noch in Handarbeit Souvenirs herstellen, was gerne auch als eigenes Business dargestellt wird – nur gehen die Profite nicht an die Kinder.

Kostprobe aus dem Artikel:

Tourists are being bussed to these so-called orphanages in droves thinking they are doing something good when in fact it is more likely to be doing harm. Even Australian Geraldine Cox, supported by Cambodian Prime Minister Hun Sen, the “Queen of Orphanage Tourism” has said that there are many false places with no effective child care policies in-place.

Ein paar Erfahrungen die ich gemacht habe: Kambodschanische Kinder haben sehr wohl schon Weisse gesehen, und sie freuen sich nicht wenn westliche Touristen mal vorbeikommen. Was ich in Waisenhäusern und Schulen am meisten gehört habe war: “Aber Du bist ja nur einen Tag/Woche/Monat hier, dann gehst Du wieder.” Sie lernen auch nicht Englisch an einem Tag, und Fussball können sie auch untereinander spielen – meist besser als wenn übergewichtige Touristen schwitzend dem Ball hinterher rennen.

Volonturism hilft dem Gewissen der Touristen und den Bankkonten derer die es organisieren, aber nicht den Projekten vor Ort. Dann bitte zu Hause bleiben und dem Projekt den Reisepreis inklusive Flug überweisen (nicht aber einem Waisenhaus, bitte).

Huff Post Autor Adam Pervez (er nennt sich auch noch Professional Volonturist, was an sich schon eine Frechheit ist), scheint nicht wirklich eine Ahnung zu haben wie man hier in der Dritten Welt lebt, wenn er rät:

For those seeking to minimize their impact on the environment, use public transportation in cities and buses or trains to reach new destinations. Bring a water bottle with you and fill it with clean water wherever possible to avoid buying bottled water. You can also buy carbon offsets to mitigate your environmental impact for the miles you will travel. You will also get to walk a mile in local shoes, which often leads to incredible experiences.

Erstmal ist ein moderner Minivan mit neuester EU-Norm wesentlich umweltfreundlicher als die uralten Busse, und vor allem ist er auch sicherer. Die Straßen hier sind sehr gefährlich und in einem Fahrzeug ohne Sicherheitsgurt zu sitzen zeugt von Selbstmordabsicht. Das Auffüllen von Wasserflaschen ist eine Glaubensfrage und nicht wirklich überall möglich – ich habe das bisher nur in Thailand gesehen.

Volkommen albern ist aber das:

Shop or eat at a multinational chain and your impact is much less than shopping and eating at small, family-run stores and restaurants

Der Unterschied ist nämlich, dass Angestellte in den “multinational chains” erstmal überhaupt ein Gehalt bekommen, und in der Regel auch über dem Mindestlohn. Sie haben in der Regel auch genügend Zeit, nebenbei zu studieren und bekommen oft auch eine Sozialversicherung (ich habe mit Angestellten zum Beispiel von Pizza-Company genau darüber gesprochen). Ein Familienbetrieb bedeutet oft genug Ausbeutung, eben kein eigenes Gehalt, keine Sozialversicherung und keine Kontrolle über Arbeitszeiten. Aber es ist ja soooo authentisch von einem 12jährigen nachts um 1 Uhr noch eine Nudelsuppe für einen Dollar zu bekommen (man stelle sich vor welchen Anteil er davon bekommt).

Ich meine damit mitnichten dass wir mehr McDonalds und Co brauchen, sondern würde es gerne sehen wenn die kleinen Familienbetriebe endlich wenigstens die eigenen Gesetze und Bestimmungen einhalten würden.

Noch ein paar Links zum Thema Orphanage Tourism:

http://www.theguardian.com/world/2014/jan/02/cambodia-child-protection-workers-call-for-end-to-booming-orphanage-tourism

Hier gibt es noch gute Bilder von den Invasionen der Gutmenschen:

http://www.thomascristofoletti.com/portfolios/the-boom-of-the-orphanage-tourism-in-cambodia/

Und schliesslich muss man der Huff Post zu Gute halten, dass sie auch anders kann:

http://www.huffingtonpost.com/daniela-papi/cambodia-orphanages-_b_2164385.html

Written by thomaswanhoff in: Asien,kambodscha |

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